Welche Gemeinsamkeiten haben die Protestbauern?

Die Bauernproteste in den Niederlanden und ihr Überschwappen in die benachbarten europäischen Staaten werden in dieser Woche unser Themenschwerpunkt sein. Wir liefern eine Pro- und Contra-Betrachtung zu den komplexen Hintergründen, lassen das Thema von einem Fachpolitiker einordnen und machen die Proteste zum Aufhänger eines neuen Podcast-Formats.
Heute lassen wir einen Jungbauern zu Wort kommt, der sich mit der Situation seines Berufsstands in Deutschland beschäftigt und erklärt, wie Bauernproteste in der Bundesrepublik möglich wären.

 

Vorab: Ich bin selbst Landwirt aus Ostdeutschland und kann den Protest der niederländischen Kollegen nachvollziehen. Dennoch würde ich ihn nicht überbewerten. Dass der „Aufstand“ nun nach Deutschland überzuschwappen droht, verwundert nicht. In den vergangenen Jahren hat sich die deutsche Bauernschaft mehrmals Gehör verschafft.

Wie alles anfing

Ausgehend vom Hitzesommer 2018, in dem erstmalig die Versorgungssicherheit wieder in das gesellschaftliche Blickfeld zurückgeriet, und durch die zunehmende Politisierung der Klimaideologie entwickelte sich aus einer kleinen Facebookseite namens Land schafft Verbindung eine Bewegung, die auch außerhalb sozialer Netze wirkte und Beachtung fand.

Im Jahr 2020 waren es Landwirte aus Niedersachsen, die durch die Blockade von Aldi-Zentrallagern ihren Unmut äußerten. Dieser lokale Protest wurde schnell eingehegt, als man sich mit dem Discounter auf Preiserhöhungen für bestimmte Schweinefleischprodukte einigen konnte. Ein Teilerfolg.

Selbstinszenierung der Bauern?

In den letzten Jahren versuchten die Landwirte sich öffentlichkeitswirksam als die „Nahrungserzeuger“ darzustellen. Sprüche wie „Wir produzieren euer Essen!“ fallen seitdem öfter. Doch sind die aufgeführten Beispiele ebenjener Kern des eigentlichen Problems, denn die moderne Landwirtschaft gewährleistet in Wahrheit keine vollständige Versorgungssicherheit. Es ist nicht so, dass dieses Ziel zu 100 Prozent anzustreben ist, aber selbst bei Basisnahrungsmitteln, die unter unseren klimatischen Bedingungen wachsen, sieht es mit einer Selbstversorgung schlecht aus.

In der aktuellen Ausgabe der konservativen Ökozeitschrift Die Kehre verweist der Autor Max Schmid auf die Selbstversorgungsgrade der deutschen Landwirtschaft in den wichtigsten Produktgruppen (erreicht der Grad 100 Prozent, könnte sich eine Gesellschaft theoretisch selbstversorgen). Diese liegen bei Getreide bei 130 Prozent, bei Kartoffeln bei 145 Prozent, bei Milch bei 110 Prozent und bei Fleisch bei 117 Prozent. Bei Obst (20 Prozent) und Gemüse (33 Prozent) fallen die Zahlen deutlich schlechter aus. Schmid folgert aus den Zahlen, dass „die deutsche Landwirtschaft vor allem eine Veredelungswirtschaft ist, dass bedeutet, dass der Großteil des Umsatzes mit tierischen Erzeugnissen generiert wird“.

Die Zahlen wirken beruhigend, es sollte jedoch nicht vergessen werden, mit welchen Mitteln heute das Land bewirtschaftet wird. Großmaschinen, mineralische Dünger und chemische Pflanzenschutzmittel gehören zum Standard moderner Landwirtschaft. Hinzu kommen Importfuttermittel vor allem für die Mast. Max Schmid führt in seinem Artikel das Soja an, welches vorwiegend aus Brasilien und den USA importiert wird und sogar gentechnisch verändert sein darf.

Die überschüssigen tierischen Produkte, vor allem Fleisch und Milch, werden im zunehmenden Maße hingegen exportiert. Wir Landwirte haben es uns in den vergangenen Jahrzehnten gemütlich eingerichtet im System des internationalen Warenaustauschs.

Bauernsterben vorprogrammiert

Dieses System ging jedoch zulasten unserer eigentlichen bäuerlichen Existenz. Der als Strukturwandel beschönigte Prozess ist in Wahrheit das wirkliche Bauernsterben. Von zwei Millionen Bauernhöfen im Jahr 1950 reduzierte sich die Zahl auf heute ca. 260.000 Höfe.

Und weil der moderne Landwirt zunehmend für den Weltmarkt produziert, schwanken auch seine Einkommen. Zusätzlich werden die Konsumenten durch Werbung etc. immer mehr gleichgeschaltet, so dass auch das erzeugte Produkt wie „von der Stange“ sein muss. Dies kann wiederum nur die industrielle Produktion gewährleisten und diese erfordert Investitionen in die Rationalisierung von Produktionsprozessen.

Müssen wir bedingungslos alles abfeiern?

Was die Zwangskollektivierung in der DDR war, erledigte das Wirtschaftssystem des „Wachsen und Weichens“ im „Goldenen Westen“ von ganz allein. So auch in den Niederlanden. Wenn nun aber darauf verwiesen wird, dass es ja die Regierung sei, die diese Gesetze macht und somit die Landwirte vor das Aus stellt, dann muss man sich doch auch fragen, wo die „Bauernproteste“ 2015 geblieben sind. In diesem Jahr fielen nämlich die EU-Milchquotierungen, die viele Kleinstmilcherzeuger – etwa Betriebe mit 20 oder 40 Kühen – zum Aufgeben zwangen. Wo war da der Aufschrei, der Protest, die Solidarisierung? Er fand nicht statt. Stattdessen befeuerte er die Konzentrationsprozesse im Agrarsektor.

All dies kann man wissen. Von rechts wird aber nur nach einer weiteren Protestwelle gesucht, auf der man weitersurfen kann. Die Bewegungen, die 2015 bis 2017 mit der Migrationsfrage ins Rollen kamen, sind bisher nicht ansatzweise erreicht worden. Weder durch das Anbiedern an „Dieselfahrer“ noch durch die Antihaltung zu den Coronamaßnahmen wurde das Widerstandsmilieu nachhaltig gestärkt. Das populistische Anbiedern offenbart zweierlei:

  1. Eine fehlende machtpolitische Option
  2. Ein fehlendes weltanschauliches Fundament

Ersteres wird ohne Zweiteres aber nicht zu erreichen sein. Besser als das bloße Hochjubeln jeglichen Protests wäre es, sich mit den Organisatoren an einen Tisch zu setzen und die eigenen Standpunkte abzugleichen. Was sind die Nah- und die Fernziele? Stimmen diese nicht überein – und das ist beim Gros der modernen Landwirte, die nur in ihrer Schiene des „Weiter so“ denken können, der Fall – so ist eine Unterstützung des Protests nicht sinnvoll. Können Überschneidungen gefunden und sogar eigene inhaltliche Schwerpunkte gesetzt werden, so ist eine Zusammenarbeit möglich.

Das aktuelle Dasein als Beobachter, als eine Art „Fanboy“ jeglichen Protests gegen „die da oben“ bringt den Widerstand nicht voran. Kann also kein Einfluss auf Personen und Inhalte gewonnen werden, bleibt nur noch das Minimalziel – die Herauslösung Einzelner aus dem Heer der Sympathisanten. Wir haben bei den Protesten von Land schafft Verbindung mehrmals die Fahne der Landvolkbewegung gesehen – vielleicht sind dies ebenjene Elemente, die für den tiefgründigen Widerstand zu gewinnen sind?

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